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Motionless in White: Scoring the end of the world (CD): „Die Welt geht unter, aber wir haben keine Angst!“

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Lange habe ich drauf gewartet, aber es hat sich gelohnt: Nachdem sich Motionless in White die Pandemie über mit einzelnen Tracks bei den Fans gemeldet haben, legen sie nun endlich wieder ein volles Album hin, und es fällt extrem schwer zu entscheiden, welcher Titel DER Song schlechthin ist, denn irgendwie hat ja jede CD ihre Hymne, DEN Song eben, der hängen bleibt, und bei MiW, einer fünfköpfigen Band aus Scranton/Pennsylvania tut man sich bei Scoring the end of the world da nicht leicht. Ich sag’s kurz: Es gibt diesen einen Song nicht. Denn hier haben wir es mit einer Scheibe zu tun, die tatsächlich keinen einzigen Ausfall hat!
13 Songs von Ballade bis Vorschlaghammer, für jeden etwas dabei und in sich ein Juwel.

So schwer wie die Entscheidung „Song des Albums“ ist, so schwer tut man sich auch damit, Motionless in White musikalisch einzuordnen. Metal, ja klar, aber was? Metalcore? Crossover? Industrialmetal? Horrorcore? Alles ein bisschen und noch viel mehr. Die Jungs rund um den Sänger Chris „Motionless“ Cerulli sind keine Newcomer mehr, dies ist ihr 7. Studioalbum, wenn ich recht gezählt habe in meinem Schränkchen, wo sich alle CDs fein säuberlich aufgereiht befinden, und sie entwickeln sich jedes Album weiter, ohne dabei aber ihren so charakteristischen Sound zu verlieren. Heavy Breakdowns, Metalcore-Screaming wechseln sich ab mit melodischen Refrains, die immer ein bisschen an Linkin Park erinnern, und zwischendrin immer mal wieder Synthesizer, mal sparsam, mal weniger sparsam dosiert. Und hin und wieder darf auch der Gitarrist Ricky Olson singen, dessen helle klare Stimme eine perfekte Ergänzung zu Cerullis charakteristischer Stimme darstellt (ich würde Chris unter Milliarden Stimmen wiedererkennen!)

Motionless in White sind bekannt dafür, sich namhafte Musiker ins Boot zu holen, und so finden sich auch auf diesem Album 3 Tracks wieder, in denen sich Gastmusiker die Ehre geben, doch dazu später.

Das Thema des Albums ist gemäß Chris Cerulli „das Einfangen der Qual, der Hoffnungslosigkeit, aber auch des Triumphs und der Weiterentwicklung“, die er selbst und die Menschheit in diesen letzten Jahren hinter sich gebracht haben.

So bläst einem in fast jedem Track genau das entgegen: Es ist hoffnungslos, aber wir haben keine Angst!

Einige Songs wurden bereits vorveröffentlicht, aber nichts hat mich darauf vorbereitet, was mir beim 1. Track „Meltdown“ um die Ohren flog: Nämlich der heavieste Breakdown ever der ganzen Musikgeschichte! Sogar ein Double-Breakdown, beim 1. denkt man noch, okay, beim 2. geht die Welt definitiv unter. Auf Youtube ist ein Video veröffentlicht, „die härtesten 10 Breakdowns der Musikgeschichte“. Kinderkram! Härter geht es nicht und so ist man nach „Meltdown“ auf das Angenehmste geschockt und weiß eigentlich nicht, was das noch toppen soll, aber….

Werewolf, der 3. Track, überrascht mit Synthie-Intro und wird dann recht schnell zur Hommage an Michael Jackson’s legendären „Thriller“, ja, es wird sogar Rockwell zitiert, „Somebody’s watching you!“ – spätestens hier lief mir Gänsehaut über den Rücken und ich konnte den Werwolf schon in der hintersten Ecke meines Zimmers lauern sehen, der Werwolf, der diesem Track entspringt, der nichts anderes als ein weiteres Meisterwerk aus der Hand der Band ist, die mit „Undead ahead pt 2: The tale of the midnight ride“ bereits eine Hymne erschaffen hat, die die 3 Jahre bis zur Veröffentlichung des neuen Albums nicht langweilig geworden ist. Wer nun denkt, es sei eine reine Horror-Hymne, der sei auf Cerullis politische Aussagen verwiesen – in den meisten Song steckt eine Menge Systemkritik, die sich nicht nur auf seine Heimat, die USA, bezieht, sondern auch auf das Individuum, das zum Monster mutiert, wenn man es lässt. (Und hier sind wir genau bei „Thriller“.)

„Slaughterhouse“ ist genau das, was der Track sagt, ein Hardcore-Metalcore-Gemetzel, in dem Bryan Garris seinen Gastauftritt hat. In seiner absoluten Brutalität ist er mit nichts auf dieser CD zu vergleichen, aber eben jenes macht dieses Album zu diesem unfassbaren Meisterwerk.

„Masterpiece“ ist eine inhaltliche Fortsetzung von Eternally yours und Another life und wird von vielen Fans als Bewältigung einer gescheiterten Beziehung des Sängers betrachtet, es handelt sich bei Masterpiece um die einzige wirkliche Ballade der Scheibe. Nur Chris Cerulli only knows, worum es sich handelt, und wer Metalballaden mag, der ist hier bestens aufgehoben.

An Lord of the Lost fühlt man sich sofort erinnert, als „We become the night“ sein Intro öffnet – und es ist wesentlich punkiger, als man das von den „moderneren“ MiW erwartet – ein Song, der ebenfalls sowohl als Horror-Song durchgeht als auch politisches Statement sein kann.

„Corpse nation“ knüpft an an „Broadcasting from beyond the grave: Death inc.“, mit Samples und eher fröhlicher Melodieführung ist der Song sicherlich leichter verdaulich als Slaughterhouse oder die weiteren 3 Tracks, von denen ich nicht weiß, welcher besser ist: „Cyberhex“, „Red, White and Boom“ (featuring hier: Caleb Shomo) und „Scoring the end of the world“. Meine Begeisterung kennt keine Grenzen mehr, ich schwör! Cyberhex und STEOTW sind schlichtweg Hymnen, während Red, White and Boom sofort an Marilyn Manson denken lässt (The beautiful people!). Und doch handelt sich es sich bei allen Anklängen, die man mehr oder weniger offensichtlich in einigen Songs hört, niemals um ein billiges Nachspielen, sondern um eine Art Tribut an die Musiker und Bands, die so wichtig sind und waren für die Entwicklung der Band, die dieses Masterpiece, denn um das handelt es sich hier in seiner Gesamtheit, hervorgebracht hat. Außer Marilyn Manson schimmert auch immer wieder Linkin Park durch, dies schon seit Jahren, und es tut gut zu hören, dass sich MiW ein Stück weit als deren Erben betätigen.

Beim letzten Track „Scoring the end of the world“ hatte der Musikdesigner Mick Gordon noch seine Hand im Spiel. Und genau das ist es – dieses Album ist der Soundtrack für den Weltuntergang – aber wir haben keine Angst, denn es gibt Motionless in White.

Be not afraid!
(Mika Jääminen)

Anspieltipps: Meltdown, Werewolf, We become the night, Cyberhex, Red, White and Boom und natürlich Scoring the end of the world!

VÖ: 10.06.2022

Label: Roadrunner Records

Kategorie: Allgemein

Nora Bendzko – Die Götter müssen sterben(Dark Fantasy)

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Troja wird fallen und mit ihm die Götter, so die Prophezeiung der den Amazonen nahestehenden griechischen Göttin Artemis. Doch Artemis segnet ausgerechnet die Nicht-Amazone Areto mit ihren Kräften, was die Amazonen, aber auch Areto mit Unverständnis erfüllt. Auch in der Götterwelt selbst herrscht Krieg und Misstrauen, wie wird der Kampf um Troja letztendlich ausgehen?

Mein Leseeindruck:

Düsterer und dramatischer Blick (sehr blutig!) auf die griechische Mythologie aus Sicht der Amazonen: So möchte ich mal kurz und knackig die Handlung dieses Dark Fantasy Romans umreißen. Natürlich sind Zeus, Ares, Artemis, Apollon, Pan und wie sie alle heißen keine lieben Chorknaben gewesen. Aber die Brutalität und Menschenverachtung, die sich auf den Seiten des vorliegenden Buchs abzeichnen, das hat man beim Blick auf die griechischer Götterwelt dann so doch nicht vor Augen!

Im Mittelpunkt des Romans steht nicht, wie einem der Klappentext suggiert, die einfache Athenerin Areto, die sich zu den Amazonen geflüchtet hat, alleine. In den Mittelpunkt der Handlung treten immer wieder andere Amazonen, wobei mir persönlich die Geschichte rund um Königin Penthesilea am meisten interessiert hat. Was mich persönlich ein wenig an der Erzählung gestört hat, ist der große Fokus auf Sexualität. Das Thema divers bzw. auch Polygamie (hier natürlich eine Frau mit mehreren Männern) kommt sehr stark zum Tragen, ist natürlich vielleicht auch dem aktuellen Zeitgeist geschuldet. Aus meiner Warte hätten die einzelnen Hauptcharaktere ruhig mehr Tiefgang bekommen können, ihre angerissenen Geschichten sind durchaus interessant.

Mein Empfinden zum Ende dieses Romans ist ambivalent. Obwohl es eigentlich so überhaupt nicht meine Art der Erzählung ist (viel zu brutal, blutig, menschenverachtend) konnte ich es doch nicht ganz zur Seite legen. Der etwas andere Blickwinkel auf die männer-dominierte griechische Götterwelt, die (leider zu kurzen) Einblicke in den Werdegang der verschiedenen Protagonistinnen hat mich dann doch immer wieder etwas eingefangen.
(SiN)

Droemer Knaur
broschiert
ISBN 978-3-426-52611-8
€ 14,99
VÖ: 01.11.2020
Verlags-Homepage: https://www.droemer-knaur.de

Kategorie: Allgemein